Ompa – ein Trafohäuschen bekommt ein Gesicht

Der Skulpturenweg bietet immer neue Highlights. Viele Werke erklären sich von selbst, einfach, indem man sich in sie vertieft, sie auf sich wirken lässt. Das, so muss ich gestehen, war bei Ompa, der Neugestaltung des Trafohäuschens durch Frau Peschko, bei mir nicht der Fall. Mein erster Eindruck: Da hat sich jemand durch den Märchengarten in Ludwigsburg oder den Erlebnispark Tripsdrill inspirieren lassen. Das jugendliche Alter der Künstlerin lässt vermuten, dass sie sich noch gut an die Besuche in entsprechenden Vergnügungsparks erinnern kann. An einem Turm begann beispielsweise in solchen Parks bei Annäherung eine Stimme zu rufen: »Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!« Dies kann Mädchen und Jungen durchaus faszinieren  und bringt Papa zum Grinsen, schwängert der Prinz doch die junge Dame , was Papa und Turm selbstverständlich verschweigen. Vielleicht war die Künstlerin in solchen Parks auch mit ihren Großeltern. Aber das kann man nur vermuten.

Die Umwandlung des Turms in eine Unterhaltungsattraktion für Kinder auf dem Skulpturenweg ist ja nicht schlecht, war mein Gedanke. Immerhin steht das umfunktionierte Trafohäuschen an einem Spielplatz. Die Skulptur hätte mich damit, altersbedingt, zwar nicht zu Begeisterungsstürmen hingerissen wie so manch andere Skulptur auf dem Weg, aber das muss sie ja auch nicht. Auch und gerade in der Kunst sind die Vorlieben verschieden. Doch dann wurden mir die Augen geöffnet! Aufgeklärt wurde ich durch die BNN-Online-Nachrichten vom 26. Juli 2022. Jetzt erst verstand ich die Tiefgründigkeit des Werkes. Beim Lesen fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Das Werk ist genial! Es zeigt mir, ich wurde 1948 geboren, wer ich bin und wo ich stehe. Das entsprechend erhellende Zitat: » Als Spannungswandler versorgte das Trafohäuschen einst die Menschen mit Strom und verband die Haushalte miteinander. Mit der Außerbetriebsetzung verlor der Umspanner seine Bedeutung. „Und so geht es auch vielen alten Menschen, die, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, dem System nichts mehr geben können, auch nicht mehr wahr genommen oder gehört werden“«.

Das nutzlose Trafohäuschen entspricht vielen alten Menschen? Stimmt! Wache ich des Morgens auf und es ist schlechtes Wetter, dann drehe ich mich zur Seite oder sehe nach, was sich in Twitter getan hat. Systemrelevant ist das wahrlich nicht! Wie der Spannungswandler, so habe auch ich meine Funktion für das System verloren, ich werde nicht mehr gebraucht. Doch damit nicht genug. Frau Peschko hat wohl des Öfteren alte weiße Männer wie mich erlebt, die froh sind, wenn sie der gequälten Umwelt einige launige Wörter zuwerfen können, da ihnen ansonsten niemand zuhört. Dass die Angesprochenen die Ansprache nur als peinlich empfinden und sich allenfalls zu einem verstörten Lächeln hinreißen lassen, ignoriert man als alter Mann nur zu gerne! Als junger Mann, Frauen geht es nicht anders, wird man wahrgenommen. Je älter man wird, um so mehr sehen die Menschen an einem vorbei.

Lange Zeit habe ich auf dem Skulpturenweg Führungen durchgeführt. Ich sehe jetzt vor meinem inneren Auge eine solche Führung. Wir sind bei der Gaststätte Adler aufgebrochen. Wir, das ist der in die Jahre gekommene Führer mit schütterem weißen Haar in Jeans und eine Gruppe ergrauter Senioren beiderlei Geschlechts, gekleidet vornehmlich in der Tarnfarbe der Alten, in Beige. Nach dem Werk von Pavel Miguel gehen wir ein paar Schritte auf das ehemalige Trafohäuschen zu, um es von vorne betrachten zu können. Hören wir zu:

Führer: Vor sich sehen Sie ein ehemaliges Trafohäuschen, einen Spannungsumwandler, der heute nicht mehr gebraucht wird, so wie viele alte Menschen. Die Künstlerin sieht darin eine Parallele. Daher der Name Ompa, als Zusammenfassung von Oma und Opa.

Herr Görke: Also ich werde doch noch gebraucht. Gut, zur Arbeit gehe ich nicht, aber wer sollte denn die Vögel bei uns im Winter füttern und meine Enkel hüten meine Frau und ich auch ab und zu, damit die Tochter…

Führer: Herr Görke, die Künstlerin wollte damit nur sagen, dass man im Alter für das System überflüssig…

Frau Lessense: Für das System? Wir haben 68 gegen das System protestiert! Die sexuelle Revolution, die haben wir angestoßen, auch wenn wir noch nicht so weit waren, Tinder zu erfinden. Also das ist ja wohl die Höhe. Wer ist denn das System, wir sind doch Teil…

Führer: Frau Lessense, ich verstehe Sie völlig, aber darf ich bitte fortfahren? Also die Künstlerin merkt an, dass alte Menschen häufig nicht mehr wahrgenommen werden, sie werden nicht mehr gehört. Die Künstlerin hat diesem Phänomen dadurch Ausdruck verliehen, dass das Werk nach dem Zufallsprinzip etwas erzählt oder andere Geräusche von sich gibt. Wer an dem Bewegungsmelder vorbeikommt, dem antwortet das Ompa, ob der Passant das will oder nicht.

Frau Lessens (lacht auf): Genau getroffen, oder Rudi? Du erzählst doch immer die gleichen Geschichten, weil dir nichts mehr passiert und ich muss zuhören!

Herr Lessens (er tritt einen Schritt zurück, auf seiner Stirn zeigen sich mehr Falten, als dies dem Alter zuzurechnen wäre, seine Mundwinkel sinken deutlich nach unten, in seiner Stimme ist ein leichtes Zittern zu hören): Also du hast es nötig! Denkst du, ich weiß nicht seit Jahren, wie du das Geliermittel einsparst und damit trotzdem eine bessere Erdbeermarmelade kochst als die Müller nebenan? Ich kann das Lied schon mitsingen, wenn du wieder davon anfängst.

Führer (Räuspert sich, versucht Blickkontakt zum Werk von Frau Peschko herzustellen, das Werk schaut verzweifelt auf ihn herab):

Meine Damen, meine Herren, ich denke, wir gehen jetzt weiter bevor Sie sich in die Haare bekommen. Vergessen wir nicht, auch das Alter hat seine Vorzüge und die Künstlerin will genau die Phänomene, die sie in Ompa benennt, kritisieren (wortlos marschiert der Führer der Gruppe, ohne sich zu der heftig diskutierenden Rentnerhorde umzudrehen, in Richtung der Straße, wobei er sich überlegt, ob er das Werk „Kommunikation“ von Gegi Hermann dieses Mal nicht lieber ausspart).

Zurück in die Wirklichkeit: Wie kann man dieses Werk verstehen? Betrachtet man die Augen, so spricht aus ihnen kaum die Freude über das Alter. So kann eine Märchenfigur aus Disneyland nicht aussehen. Es könnte eher die Verzweiflung darüber sein, von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Ist die Gesellschaft das System? Das kann man so sehen. Aber zur Gesellschaft gehören auch die Verwandten, die Söhne und Töchter, die Enkel. Kritisiert die Künstlerin damit die passiven Alten, die sich das bieten lassen? Man kann das so verstehen, muss es aber nicht. Die Künstlerin drückt vielleicht auch aus, was der Handwerker im Dialekt, wenn er etwas verdorben hat, so formuliert: »So ischs worre!«; damit wäre es die Wiedergabe eines Ist-Zustandes. Versteckt sich darin die Aufforderung an die Alten, sich gegen die Ausgrenzung zu wehren, denn ihre Passivität ist ihre Schuld, denn die alten weißen Männer und Frauen von heute haben genau dieses System geschaffen. Sollten die Alten ihren Wert (wieder) erkennen und helfen den Jugendkult zu überwinden? Das allerdings würde bedeuten, Privilegien des Alters abzubauen, sich da zu integrieren, wo Integration möglich und gesellschaftlich honoriert wird usw.

Man kann aus Ompa aber auch Gesellschaftskritik herauslesen: Warum lässt die Politik und die Wirtschaft es zu, dass ein wachsender Teil unserer Bevölkerung aus dem Produktionsprozess ausgegliedert und in seinem Wert gering geachtet wird?

Und selbstverständlich kann man auch vermuten, dass der Künstlerin einige Unarten alter Menschen zuwider sind, wie beispielsweise das ständige Wiederholen der gleichen Geschichten.

Möge jeder in dem Werk sehen, was er sehen will, denn genau das macht Kunst spannend!

Inspiriert durch Frau Peschkos Interpretation des Alters werde ich an dieser Stelle demnächst das Gemälde In der Gartenlaube von Arnold Böcklin besprechen; dieses Werk bietet ebenfalls eine treffende Beschreibung der Lebensumwelt alter Menschen.